BSH BERATUNG
SMART CONSULTING MADE IN GERMANY 

Wenn Fehlermanagement fehlt: Sicherheitsdefizite und Organisationsfehler im Kontext des Sparkasseneinbruchs Gelsenkirchen


Der Einbruch in eine Sparkassen-Filiale in Gelsenkirchen mit einer Beute in Millionenhöhe stellt kein isoliertes Versagen einzelner Sicherheitskomponenten dar, sondern das Ergebnis einer Kette unbehandelter Risiken und nicht erkannter Fehlermuster. Solche Ereignisse entstehen in der Regel dort, wo technische, organisatorische und bauliche Schwachstellen zwar vorhanden sind, jedoch nicht systematisch erfasst, bewertet und nachverfolgt werden.

Ein wirksames Fehlermanagement-System hätte das Ziel, potenzielle Schwachstellen frühzeitig zu identifizieren, Risiken zu priorisieren und präventive Maßnahmen verbindlich umzusetzen. Es versteht Fehler nicht als einmalige Abweichungen, sondern als Indikatoren für strukturelle Defizite in Prozessen, Zuständigkeiten und Sicherheitskonzepten. Gerade in sicherheitskritischen Bereichen wie dem Bankbetrieb ist ein solches System essenziell, um aus Beinahe-Vorfällen, bekannten Risikophasen (z. B. Feiertagszeiträumen) und externen Erkenntnissen vergleichbarer Delikte zu lernen.


Die vorliegende chronologische Fehleranalyse zeigt auf, dass mehrere der identifizierten Schwachstellen – von unzureichend gesicherten Nebenbereichen über fehlende Sensorik bis hin zu organisatorischen Lücken – im Vorfeld erkennbar und vermeidbar gewesen wären, wenn sie in einem strukturierten Fehlermanagement erfasst worden wären. Insbesondere das Fehlen einer ganzheitlichen Risikoanalyse und einer kontinuierlichen Überprüfung bestehender Sicherheitsmaßnahmen begünstigte das Zusammenwirken der einzelnen Fehler.


Ziel dieser Analyse ist es daher nicht nur, den Tatablauf nachzuvollziehen, sondern aufzuzeigen, wie ein etabliertes Fehlermanagement-System die Eskalation dieser Fehlerkette hätte verhindern oder zumindest frühzeitig unterbrechen können. Die chronologische Darstellung dient als Grundlage für organisatorisches Lernen und für die Entwicklung nachhaltiger Präventionsstrategien.


1. Vorbereitungsphase vor der Tat (Wochen/Monate zuvor)
Fehler / Schwachstelle:

  • Unzureichende Absicherung angrenzender Gebäudestrukturen (Parkhaus, Keller, Nebenräume).
  • Fehlende bauliche Trennung mit gleichwertigem Sicherheitsstandard zwischen Tresorbereich und angrenzenden Räumen.

Bewertung: 
Die Täter konnten das Gebäude nicht über den Haupteingang, sondern über ein benachbartes Parkhaus erreichen. Dies deutet darauf hin, dass bei der Sicherheitsplanung der Fokus primär auf den Tresor selbst gelegt wurde, nicht jedoch auf mögliche indirekte Angriffswege. Eine ganzheitliche Perimetersicherung war offenbar nicht vorhanden oder nicht ausreichend.


2. Wahl des Tatzeitpunkts (Feiertagszeitraum)
Fehler / Schwachstelle:

  • Reduzierte Präsenz von Personal, Sicherheitsdiensten und Kontrollen während der Weihnachtsfeiertage.
  • Keine erkennbar verstärkten Sicherungsmaßnahmen für einen Hochrisikozeitraum.

Bewertung: 
Der Tatzeitraum war für die Täter strategisch günstig. Feiertage gelten als bekannte Risikophasen, in denen Reaktionszeiten länger und Kontrollintervalle seltener sind. Das Fehlen zusätzlicher Sicherheitsmaßnahmen stellt einen organisatorischen Fehler dar.


3. Eindringen in das Gebäude (Tatbeginn)
Fehler / Schwachstelle:

  • Keine oder unzureichende Alarmierung beim unbefugten Betreten von Neben- oder Kellerbereichen.
  • Mögliche blinde Bereiche in der Videoüberwachung oder fehlende Live-Überwachung.

Bewertung: 
Die Täter konnten sich offenbar über längere Zeit im Gebäudeinneren bewegen, ohne unmittelbar entdeckt zu werden. Dies weist auf Defizite bei Bewegungsmeldern, Zutrittskontrollen oder der kontinuierlichen Überwachung nicht-öffentlicher Bereiche hin.


4. Angriff auf die Tresorraumwand
Fehler / Schwachstelle:

  • Fehlende oder unzureichende Körperschall-, Erschütterungs- oder Bohrdetektoren an angrenzenden Tresorwänden.
  • Tresorraum baulich zwar massiv, aber nicht vollständig gegen seitliches oder rückwärtiges Eindringen gesichert.

Bewertung:
 Der entscheidende sicherheitstechnische Fehler lag darin, dass der Tresorraum offenbar nur frontal geschützt war. Moderne Einbruchsmethoden setzen gezielt auf das Durchdringen von Seitenwänden. Ohne aktive Sensorik konnten die Täter über einen längeren Zeitraum mit Spezialwerkzeug arbeiten.


5. Öffnen der Schließfächer (mehrstündige Tatphase)
Fehler / Schwachstelle:

  • Keine automatische Alarmkette bei systematischem Öffnen einer großen Anzahl von Schließfächern.
  • Keine zeitbasierte Eskalation bei ungewöhnlich langer Aktivität im Tresorraum.

Bewertung:
 Dass mehrere Tausend Schließfächer geöffnet werden konnten, deutet auf das Fehlen eines intelligenten Überwachungssystems hin, das ungewöhnliche Muster (Menge, Dauer, Geräuschpegel) erkennt und automatisch reagiert.


6. Entdeckung der Tat (Brandmeldealarm)
Fehler / Schwachstelle:

  • Die Tat wurde nicht durch Einbruch- oder Tresoralarme, sondern erst durch einen Brandmeldealarm entdeckt.
  • Mögliche Fehlinterpretation oder verspätete Reaktion auf erste Warnsignale.

Bewertung:
 Die Entdeckung erfolgte zufällig und nicht durch die primären Sicherheitssysteme. Dies zeigt eine unzureichende Priorisierung der Einbruchserkennung gegenüber sekundären Systemen wie dem Brandschutz.


7. Fluchtphase der Täter
Fehler / Schwachstelle:

  • Keine unmittelbare Lokalisierung oder Verfolgung trotz offensichtlicher Fluchtbewegungen.
  • Fehlende oder nicht vernetzte Kennzeichenerfassung im Umfeld.

Bewertung:
 Die Täter konnten mit einem Fluchtfahrzeug entkommen. Eine stärkere Vernetzung mit externer Videoüberwachung (z. B. Parkhäuser, Zufahrtsstraßen) hätte die Chancen einer zeitnahen Fahndung erhöhen können.


Gesamtbewertung
Der Einbruch ist nicht auf eine einzelne Sicherheitslücke zurückzuführen, sondern auf eine Kette zeitlich aufeinanderfolgender Versäumnisse:

  • unvollständige bauliche Absicherung,
  • fehlende Sensorik gegen moderne Angriffsmethoden,
  • organisatorische Schwächen während eines Hochrisikozeitraums,
  • und eine verspätete Entdeckung durch ungeeignete Alarmsysteme.

Erst das Zusammenwirken dieser Fehler ermöglichte den außergewöhnlich hohen Schaden.