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Europas Energieparadoxon: Wie der Ukrainekrieg Deutschlands externe Abhängigkeiten vertiefte



Der Ukrainekrieg löste einen der schnellsten und folgenreichsten politischen Kurswechsel in der europäischen Nachkriegsgeschichte aus. Was darauf folgte, war kein einzelner Fehler, sondern eine Abfolge ineinandergreifender Fehlentscheidungen – jede für sich genommen rational, in ihrer Gesamtheit jedoch mit einem Ergebnis, das den erklärten Zielen von Resilienz, Autonomie und Sicherheit zuwiderlief. Chronologisch betrachtet erscheint die heutige Situation, in der deutsche Chemieunternehmen energieintensive Produktion in China ausbauen und dabei Energie nutzen, die teilweise aus Russland stammt, weniger als Zufall denn als vorhersehbare Folge politischer Fehlanpassungen.

Fehler 1: Energieabhängigkeit als moralisches statt als strukturelles Problem zu behandeln (vor 2022)

Vor dem Krieg verstand Europa – insbesondere Deutschland – seine Abhängigkeit von russischem Gas vor allem als politisches Risiko, nicht als industrielles. Man ging davon aus, dass eine Diversifizierung im Bedarfsfall relativ schnell und zu überschaubaren Kosten möglich sei.
Diese Fehleinschätzung war entscheidend. Energieabhängigkeit war kein bloßes Lieferantenproblem, sondern tief im europäischen Industriemodell verankert. Die deutsche Chemie-, Stahl- und Verarbeitungsindustrie war auf große Mengen günstigen, verlässlichen Gases ausgelegt. Indem politische Entscheidungsträger Abhängigkeit als moralisches Versagen statt als strukturelle Gegebenheit betrachteten, unterschätzten sie die wirtschaftlichen Verwerfungen eines abrupten Ausstiegs.

Fehler 2: Abrupte Abkopplung ohne funktionierendes Ersatzsystem (2022)
Nach der Invasion der Ukraine handelte Europa schnell – und nachvollziehbar –, um russische Gasimporte zu reduzieren. Diese Entscheidung war politisch kaum vermeidbar. Der Fehler lag nicht im Ziel, sondern in der zeitlichen Abfolge.
Russisches Gas wurde schneller aus dem System entfernt, als tragfähige Alternativen aufgebaut werden konnten. LNG-Terminals, erneuerbare Energien, Netzausbau und Wasserstoffinfrastruktur benötigen Zeit. In der Übergangsphase akzeptierte Europa dauerhaft höhere und volatilere Energiepreise als vermeintlich temporäres Opfer und ging davon aus, dass die Industrie durchhalten würde, bis Alternativen verfügbar seien.
Für energieintensive Branchen erwies sich diese Annahme als falsch. Industrieinvestitionen folgen Zeithorizonten von Jahrzehnten, nicht von Legislaturperioden. Sobald Energiekosten eine bestimmte Schwelle überschritten, verlor Europa seine Glaubwürdigkeit als Standort für neue Kapazitäten.

Fehler 3: Die Annahme, die Industrie werde „ausharren“ (2022–2023)
Europäische Entscheidungsträger gingen implizit davon aus, dass Unternehmen Produktion und Investitionen im Inland aufrechterhalten würden – Verluste hinnehmend oder durch Subventionen überbrückend –, bis sich die Energiewende stabilisiert habe.
Chemieunternehmen taten das Gegenteil. Sie hielten bestehende Anlagen, wo möglich, in Betrieb, lenkten neue Investitionen jedoch ins Ausland. Diese Unterscheidung wurde in der öffentlichen Debatte häufig übersehen. Werksschließungen sind sichtbar und politisch kostspielig; Investitionsverlagerungen verlaufen leiser, sind aber weit folgenreicher.
Als die Politik den Trend erkannte, waren die Kapitalzusagen für großskalige Chemiekomplexe in China bereits festgeschrieben. Zu diesem Zeitpunkt war der Verlust nicht mehr zyklisch, sondern strukturell.

Fehler 4: De-Risking mit geografischer Verlagerung zu verwechseln (2023)
Mit der Übernahme des Begriffs „De-Risking“ ging die Annahme einher, dass die Abhängigkeit von Russland reduziert und strategische Verwundbarkeiten minimiert würden. In der Praxis wurde das Risiko jedoch nicht beseitigt, sondern umgeleitet.
Deutsche Unternehmen verlagerten energieintensive Produktion nach China, wo Energie günstiger und verlässlicher verfügbar ist. Gleichzeitig erhöhte China selbst seine Importe russischen Gases, häufig zu vergünstigten Preisen. Das Ergebnis war eine indirekte Wiederexponierung gegenüber russischer Energie – nun vermittelt über ein chinesisches Industriesystem, auf das Europa deutlich weniger Einfluss hat.
Europa reduzierte die direkte Abhängigkeit, erhöhte aber die Abhängigkeit zweiter Ordnung. Das war kein De-Risking, sondern eine Risikostapelung.

Fehler 5: Industrielle Rückkopplungseffekte zu ignorieren (2023–2024)
Sobald große Chemieinvestitionen ins Ausland abwandern, folgen sekundäre Effekte: Zulieferer, F&E-Funktionen, qualifizierte Arbeitskräfte und Innovationsökosysteme beginnen sich ebenfalls zu verlagern. Die europäische Politik behandelte industrielle Kapazitäten als modular und reversibel. Sie sind es nicht.
Der Fehler bestand in der Annahme, Europa könne eine hochentwickelte Industrienation bleiben, während die energieintensivsten Teile der Wertschöpfungsketten ausgelagert werden. In der Realität bilden gerade diese Segmente häufig das Rückgrat ganzer Ökosysteme. Ihr Weggang schwächt die technologische Basis Europas, dämpft das Produktivitätswachstum und verengt zukünftige politische Handlungsspielräume.

Fehler 6: Emissionen auszulagern und gleichzeitig Klimafortschritte zu reklamieren
Die hohen Energiepreise in Europa sind teilweise eine Folge ambitionierter Klimapolitik. Indem diese Politik jedoch schwere Industrie ins Ausland drängt, fördert sie CO₂-Leckagen. Chemieanlagen in China unterliegen in der Regel weniger strengen Emissionsauflagen und nutzen stärker CO₂-intensive Energiemixe.
In der Bilanz sah es günstig aus – die europäischen Emissionen sanken –, doch global verschlechterte sich das Ergebnis. Dies untergrub sowohl die klimapolitische Glaubwürdigkeit als auch die industrielle Wettbewerbsfähigkeit und offenbarte eine Kluft zwischen territorialen Emissionszielen und realer globaler Umweltwirkung.

Fehler 7: Geopolitische Zielkonflikte zu unterschätzen (laufend)
Schließlich vernachlässigte Europa die geopolitischen Konsequenzen der industriellen Verlagerung. Die Abhängigkeit von russischer Energie war politisch riskant, aber in eine wechselseitige wirtschaftliche Beziehung eingebettet. Die Abhängigkeit von chinesischen Industriesystemen schafft eine andere, potenziell asymmetrischere Verwundbarkeit.
Im Streben nach Autonomie von Russland erhöhte Europa seine Exponierung gegenüber China – während es weiterhin indirekt russische Energie konsumiert. Dieses Ergebnis widerspricht der ursprünglichen strategischen Intention und schwächt Europas Einfluss in zukünftigen Krisen.

Fazit: Ein vorhersehbares Ergebnis aufeinanderfolgender Fehlurteile
Keiner dieser Fehler war für sich genommen irrational. Jeder ließ sich unter enormem politischen, moralischen und zeitlichen Druck rechtfertigen. In ihrer Gesamtheit führten sie jedoch zu einem perversen Ergebnis: Europa schwächte seine industrielle Basis, beseitigte die Energieabhängigkeit nicht, erhöhte seine geopolitische Verwundbarkeit und lagerte sowohl Emissionen als auch strategische Kapazitäten aus.
Die Lehre ist nicht, dass Europa dauerhaft russisches Gas hätte kaufen sollen. Die Lehre ist, dass Energiesicherheit, Industriepolitik und Geopolitik nicht isoliert und nicht auf unterschiedlichen Zeithorizonten gesteuert werden können. Wenn wertegeleitete Entscheidungen nicht durch glaubwürdige ökonomische Alternativen unterlegt werden, widersetzen sich Märkte nicht – sie weichen aus.
Und in diesem Fall wichen sie Europas industrieller Zukunft aus Europa selbst heraus.