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Die Mutter aller Deals – und der Vater aller Versäumnisse: Europas spätes Ja zu Indien



Die Unterzeichnung des Freihandelsabkommens zwischen der Europäischen Union und Indien wird heute als historischer Durchbruch gefeiert. Doch der späte Zeitpunkt dieses Deals ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer langen Kette politischer, strategischer und wirtschaftlicher Fehlentscheidungen – vor allem auf europäischer Seite. Erst nach fast zwanzig Jahren wechselhafter Verhandlungen gelang der Abschluss eines Abkommens, das angesichts der wirtschaftlichen Bedeutung Indiens bereits deutlich früher hätte Realität werden können.

Phase 1: Strategische Fehleinschätzung Indiens (ca. 2005–2012)
Zu Beginn der Verhandlungen unterschätzte die Europäische Union systematisch die langfristige wirtschaftliche und geopolitische Bedeutung Indiens. Während die EU ihre handelspolitischen Prioritäten stark auf die USA und insbesondere auf China ausrichtete, wurde Indien häufig als schwieriger, bürokratischer und langsam reformierender Partner betrachtet.
Ein zentraler Fehler bestand darin, europäische Standards – etwa in den Bereichen Umwelt, Arbeitsrecht, geistiges Eigentum und Marktzugang – weitgehend kompromisslos durchsetzen zu wollen, ohne ausreichend Rücksicht auf den Entwicklungsstand und die innenpolitischen Zwänge Indiens zu nehmen. Diese normative Starrheit führte früh zu Vertrauensverlust und verhärteten Fronten.

Phase 2: Europäische Zerstrittenheit und Prioritätenverlust (2012–2019)
In den folgenden Jahren traten strukturelle Schwächen der EU offen zutage. Interne Uneinigkeit zwischen den Mitgliedstaaten, wechselnde politische Mehrheiten und eine langsame Entscheidungsfindung führten dazu, dass die Verhandlungen immer wieder ins Stocken gerieten oder ganz ausgesetzt wurden.
Parallel dazu war die EU stark mit sich selbst beschäftigt: Eurokrise, Flüchtlingskrise, Brexit und zunehmender Populismus banden politische und administrative Ressourcen. Indien rückte weiter an den Rand der europäischen Handelspolitik – ein weiterer strategischer Fehler. Währenddessen baute Indien seine Beziehungen zu anderen Partnern gezielt aus und reduzierte seine Abhängigkeit von Europa.

Phase 3: Reaktives statt proaktives Handeln (2019–2023)
Ein besonders gravierender Fehler der EU war ihr reaktives Verhalten. Erst als sich die geopolitischen Spannungen mit den USA verschärften, Lieferketten unsicher wurden und China zunehmend als systemischer Rivale wahrgenommen wurde, begann Europa, Indien neu als strategischen Partner zu entdecken.
Der nun gefeierte Deal ist daher weniger Ausdruck langfristiger Planung als vielmehr eine verspätete Korrektur früherer Versäumnisse. Die EU handelte nicht aus Stärke, sondern aus Notwendigkeit – ein Umstand, der ihre Verhandlungsposition schwächte und wertvolle Zeit kostete.

Potenzielle Fehler bei der Umsetzung des Abkommens
Auch nach der Unterzeichnung birgt das Abkommen erhebliche Risiken. Sowohl die EU als auch Indien können durch Fehlentscheidungen die Wirkung des Deals deutlich schmälern.
Potenzielle Fehler der EU:
  • Übermäßige Bürokratie und langsame Umsetzung der vereinbarten Marktöffnungen.
  • Fortgesetzte moralische Belehrung Indiens in sensiblen politischen Fragen, die wirtschaftliche Kooperation belasten könnte.
  • Unzureichende Unterstützung kleiner und mittlerer Unternehmen bei der Nutzung der neuen Handelsmöglichkeiten.
  • Interne Blockaden einzelner Mitgliedstaaten bei der praktischen Umsetzung.
Potenzielle Fehler Indiens:
  • Verzögerte oder selektive Senkung von Zöllen und nichttarifären Handelshemmnissen.
  • Unklare oder instabile regulatorische Rahmenbedingungen, die Investoren abschrecken.
  • Bevorzugung nationaler Unternehmen trotz formaler Marktöffnung.
  • Politische Einflussnahme auf wirtschaftliche Prozesse.

Fazit: Ein historischer Deal mit verspäteter Einsicht
Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien ist zweifellos ein Meilenstein. Doch es ist zugleich ein Lehrstück über strategische Kurzsichtigkeit, politische Trägheit und verpasste Chancen – insbesondere auf europäischer Seite. Der eigentliche Erfolg dieses Deals wird sich nicht an seiner symbolischen Bedeutung messen lassen, sondern daran, ob beide Partner aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und die Vereinbarungen pragmatisch, verlässlich und partnerschaftlich umsetzen.